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Ausgezeichete Elche:
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1997 Chlodwig Poth
1999 Robert Gernhardt
2000 Gerhard Polt
2001 Harry Rowohlt
2002 Marie Marcks
2003 F.W. Bernstein
2004 Emil Steinberger
2005 Otto Waalkes
2006 Hans Traxler
2007 Ernst Kahl
2008 Biermösl Blosn
2009 Helge Schneider
2010 Olli Dittrich
2011 Josef Hader
2012 Franziska Becker
2013 Michael Sowa
2014 Georg Schramm
2015 Rudi Hurzlmeier
2016 Max Goldt
2017 Gerhard Gläck
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Eva Demski (Foto: P.Heller)

Eva Demski: Laudatio für Michael Sowa anlässlich des Göttinger ELCH, im Oktober 2013

Liebe Altelche, liebe Freundinnen und Freunde des Göttinger Elchs, meine sehr verehrten Damen und Herren und vor allem: lieber Demnächst - in diesem Theater - Elch Michael Sowa -

Michael Sowa war für mich im Jahr 2008, 2009 eine Art Gottesurteil. Schön, das mag ein bisschen hoch gegriffen sein, aber ich bleibe dabei, und wenn es nicht so gewesen wäre, stünde ich heute nicht hier. Ich hatte nach einer literarischen Lebenskatastrophe sehr still ein paar neue Texte angepflanzt und wünschte mir den schon lang Verehrten als Illustrator. Der Verlag war sehr damit einverstanden, uns zu verkuppeln. Wenn Sowa ja sagen würde, dann wäre ich gerettet, dachte ich. Dann würde alles gut. Das lag an seiner oft von mir bestaunten Fähigkeit, künstlerisch virtuos und vollkommen souverän zu sein, und sich dennoch nicht zu scheuen, dem Dargestellten immer mal wieder einen kleinen Dreh ins Wahnsinnige, ins Skurrile zu geben. So kommt man wahrscheinlich nicht auf die Art Miami, aber in viele Herzen. Also, der und nur der ----- sollte mich retten, davon hatte er natürlich keine Ahnung. Wir sehen uns übrigens heute zum ersten Mal.

Was er allerdings Wochen später in seinem samtigen Berlinisch am Telefon wissen ließ, war, dass er nicht wolle und keine Zeit habe, weil er Bilder zu malen gedächte. Das klang weder zickig noch nach: Fall gefälligst vor mir auf die Knie! Es klang nicht wichtigtuerisch, honorarhochtreibenwollend, oder nach sonstigen geschäfts- und eitelkeitsüblichen Tricks - es klang einfach richtig und einleuchtend.

Det jeht nich jejen Sie, sagte er freundlich.
Auch das glaubte ich ihm sofort. Seine Stimme machte die ganze übliche Szenechoreographie, sämtliche Wichtigwichtigtänzchen und Bedeutsamkeits-balzereien des sogenannten Kulturbetriebs völlig unwesentlich. Er wolle Bilder malen, sagte er, und genau das meinte er auch. Ich bettelte nicht. (Jedenfalls glaube ich das). Ich bat ihn nur, einen oder zwei der Texte zu lesen.
Da man ihm nicht mailen kann, schickte ich sie ihm mit der Post, mit seiner seufzenden Erlaubnis. Er seufzte nicht kokett, er seufzte wie Künstler, echte Künstler seufzen, die ein kleines Problem mit dem Neinsagen haben. Ihm und mir war bei der Posterlaubniserteilung klar, dass ein Türchen zwischen uns aufgestoßen war - etwa so groß wie eine Briefkastenklappe. Mittlerweile hatte ich die glückliche Zukunft meiner Texte mittels eines unsichtbaren Fadens mit seinem Gefallen an ihnen verbunden. Das ließ sich nicht mehr ändern, dabei, wie gesagt, kannte ich ihn nicht mal. Seine Arbeiten aber, die kannte ich, und ich wusste, dass er sehr, sehr gut malen kann. Er malt so gut, dass er sich leisten konnte, das WAS, den Gegenstand, zwischendurch zu vergessen, oder mit einer schrägen Pointe zu versehen, um sich dann ganz dem virtuosen WIE zu überlassen. Dieses WIE macht den Künstler zum Autisten, oder besser, es macht ihn zum wirklichen Künstler. Das WIE - wer jemals gesehen hat, wie Sowa Wasser malt, weiß, was ich meine - ist große Kunst. Übrigens erkennt man ihn immer wie alle Elche. Dass ihn die Kunst nicht abhielt vom Spielen und Rumprobieren (seine Frankfurter Zauberflöte, die grade wieder aufgenommen wurde, bleibt mir für immer im Herzen) und vor allen Dingen davor nicht, Autoren sein Können als Illustrator zu gewähren, wusste ich, darauf gründete ja meine mittlerweile abergläubisch heftige Hoffnung. Der Anruf kam.

Ick mach det, sagte der Meister.
Ich war vorsichtig glücklich.
Wunderbare kleine Bildchen entstanden, ich fühlte mich an die Hand genommen, begleitet, umarmt, begriffen, was eben im besten Fall passiert, wenn sich zum Text eine Illustration gesellt. Manchmal verbünden sich Wort und Bild zu einer kleinen Verschwörung gegen die Leser: Mal sehen, ob ihr det kapiert?

Dann kam ein düsterer Tag, der mich in Verzweiflung stürzte: Das Cover. Natürlich war es köstlich gemalt, fein, altmeisterlich makellos, aber diesmal traf mich nicht das WIE, sondern das WAS, und zwar mit voller Wucht. Zu sehen war eine Birke, die sich ihrer Blätter entledigt und sie auf die Erde geworfen hat, vor ihr mit vorwurfsvoll in die Seiten gestemmten Armen eine dicke Frau. Eine sehr dicke Frau mit exorbitantem Hintern und einem blauen Kleid.
Das sollte nun auf mein Buch vorne drauf, das heißt, als erstes überhaupt, noch bevor Käufer - an deren reichliches Erscheinen ich ja wegen Sowa überhaupt glaubte- ein Wort läsen, fiele ihr Blick auf eine sehr dicke Frau mit einem exorbitanten Hintern. Dass sie richtig schön gemalt war, machte die Sache nicht besser, im Gegenteil.

Man kann dem Meister nicht mailen, also verbrachte ich eine unruhige Nacht mit dem Abfassen eines Faxbriefes, der unter keinen Umständen zu unserer Scheidung führen durfte. Es wäre der Untergang gewesen, so obsessiv hatte ich unsere Zweisamkeit auf dem Papier mittlerweile besetzt.

Ich habe übrigens Angst vor Künstlern und halte aus langjähriger journalistischer Erfahrung die meisten für lobsüchtig wie kleine Kinder. Kritik mögen sie nicht, gar nicht. Wie oft hatte ich es nicht erlebt, dass ich schüchtern ein winziges Detail in einem Kosmos von Gottähnlichkeit monierte. Das allerkleinste Nichteinverstandensein des Gegenübers verdunkelt in den Seelen vieler Künstler die vorher hundertmal beteuerte Großartigkeit des Werks.

Das Blau da gefällt dir also nicht? Äußerste, nur mühsam bezähmte Gekränktheit, alles verloren, nichts mehr zu retten.

Ich bastelte ¬∑an meinem Fax, voll Angst, und ich brauchte absurd viele Wörter, um schlicht zu sagen, dass ich auf einem Cover eines Buchs von mir alles lieber sähe als eine furchtbar dicke Frau von hinten. Ich hatte doch nicht mein Leben lang Entbehrungen auf mich genommen, damit diese Angstvision, die mich mehr oder weniger begründet seit der Teenagerzeit verfolgt, offen und köstlich gemalt vor aller Augen sichtbar würde. Ich wünschte uns ja möglichst viele Augen, und ich glaubte seit dem wundersamen Bündnis zwischen uns - von dem nur ich wusste - auch an sie!
Sowa bewies ahnungslos echte Größe und erstaunte mich ein weiteres Mal. Er rief einfach an, fühlte sich offenbar weder kritisiert noch falsch verstanden noch unverstanden noch zurückgesetzt. Er hielt mir nicht die übliche Pistole an die Schläfe - SO oder gar nicht! - und bewies mir auch nicht seine Überlegenheit hinsichtlich gut verkäuflicher Coverentwürfe, was ihm leicht gefallen wäre.

Mir, sagte er in seinem milden Berliner Bass, also mir jefällt det. Aba wennset nich wolln, machen wa wat anderet.

Er machte wat anderet, und wir dürfen beide nach ziemlich vielen Auflagen sagen, es hat nicht geschadet.

Der Elch ist ein Satire-Preis, wenn man sich die bisherigen Preiselchinnen und Elche, auch den heutigen anschaut, ist da Satirisches, aber eben nicht nur. Wobei, nur Satire, das ist nicht gut vorstellbar. Satire ist eine bestimmte Würzung, ein Schubs, der die Welt von der schweren auf die leichte Schulter befördert, eine Mut- und Einsamkeitsprobe, Satire schließt Künstler, die dieser Weltsicht verfallen sind, aus manchem aus. Tue keiner so, als wüsste er das nicht. Tue keiner und keine so, als sei das nicht - naja, kein Pfahl im Fleisch, aber doch ein gelegentlich störendes Splitterchen. Alle, die ihren großen künstlerischen Fähigkeiten das Gewürz des Satirischen nicht haben ersparen wollen oder können, bezahlen dafür. In die große, kulturelle Bedeutsamkeitsdisco lassen sie die Türsteher der Hochkultur oft nicht rein. Man versichert einander tapfer, dass man da auch überhaupt nicht reinwolle, ja, dass es drinnen langweilig sei. Wahrscheinlich stimmt das auch. So sind eben eigene Preise und Kreise, eigene Wappentiere, ein eigener Olymp mit eigenen Göttern, eigene Gebete (Lieber Gott, nimm es hin ...) eigene Darstellungsweisen und Vorbilder, eigene Umgangsformen und überhaupt sonst noch viel Eigenes entstanden. Eine Parallelgesellschaft, jawohl. Deren Mitglieder ihre Künste so souverän beherrschen wie die Dauermieter im deutschen Feuilleton - auf diesen Status für die Lust am satirischen Ausfallschritt aber eben gelegentlich verzichten müssen.

Der Elch ist ein großes, stilles Tier, das leicht unterschätzt wird. Die Eule, Sowa, ist ein großer, sich lautlos . bewegender Vogel, den man keinesfalls unterschätzen sollte.
Man möchte nicht glauben, wie gut das Satirische und das Magische sich vertragen. Ich möchte zum Schluss eine Beweisgeschichte dafür erzählen. Michael Sowa hatte zum ersten Kapitel der Gartengeschichten das Bild eines Zimmers gemalt, durch dessen Fenster ein winterlicher Garten zu sehen ist.
Das Kapitel heißt Der Garten meiner Mutter. Ein Zimmer kommt in dem Kapitel nicht vor. Meine Mutter lebt schon lange nicht mehr.

Er hat exakt das Zimmer meiner Mutter, ihr Fenster und den Blick in ihren Garten gemalt. Die Farbe der Wände, das Muster der Bettdecke, der Baum vor dem Fenster, alles stimmte. Als ich ihm das am Telefon sagte - mir war von all den Dingen zwischen Himmel und Erde und der Sache mit der Schulweisheit noch ganz zweierlei - antwortete er freundlich:
Och, sone Sachen passiern mir öfter.

Schön, dass wir uns jetzt kennenlernen, nachdem wir uns so gut kennengelernt haben. Ich gratuliere zur Elchwerdung, rate aber dringend, die lautlos schwebenden Eulenflügel mit der großen, großen Spannweite zu behalten.

Glückwunsch den Altelchen zum neuen Elch,
Glückwünsche uns Elchfreunden dafür, dass wir sie haben und magische Grüße an jene Elche, die uns von ihren diversen Wolken aus zusehen.

Ich danke Ihnen.