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1997 Chlodwig Poth
1999 Robert Gernhardt
2000 Gerhard Polt
2001 Harry Rowohlt
2002 Marie Marcks
2003 F.W. Bernstein
2004 Emil Steinberger
2005 Otto Waalkes
2006 Hans Traxler
2007 Ernst Kahl
2008 Biermösl Blosn
2009 Helge Schneider
2010 Olli Dittrich
2011 Josef Hader
2012 Franziska Becker
2013 Michael Sowa
2014 Georg Schramm
2015 Rudi Hurzlmeier
2016 Max Goldt
2017 Gerhard Gläck
2018 Pit Knorr und Wiglaf Droste
2019 Gerhard Haderer
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Vita

Gerhard Haderer wird 1951 im oberösterreichischen Leonding bei Linz geboren. Nach einer Ausbildung zum Gebrauchs- und Werbegrafiker arbeitet er freischaffend als Zeichner und Illustrator in der Reklamebranche. Ihr kehrt er nach einer schweren persönlichen Krise 1985 den Rücken und macht sich fortan über die Grenzen Österreichs hinaus einen Namen als Karikaturist und Cartoonist. In Deutschland wird seine von 1991 bis 2016 im "Stern" erscheinende Kolumne "Haderers Wochenschau" zum Begriff. Der Künstler lebt alternierend in Linz und in Steinbach am Attersee und hat mit seiner Frau Margit, die auch seine Managerin ist, vier Kinder.

1951 wird Gerhard Haderer in Leonding bei Linz (Oberösterreich) als eines von fünf Kindern geboren. Schon in der Jugend weiß er um seine zeichnerische Begabung. Dass er darüber hinaus zur Komik begabt ist, erkennt Haderer während seiner Lehrzeit an der Fachschule für Gebrauchs- und Werbegrafik in Linz. In einem von ELCHpreis-Gründer WP Fahrenberg 2012 geführten (und 2013 im Buch "Meister der komischen Kunst" abgedruckten) Interview erinnert sich der Künstler: "Wenn es in der Ausbildung einmal so eine seltsame Aufgabe gab, wie das 'schönste Ferienerlebnis' zu zeichnen, entwarf ich die perfekte Idylle, die aber gleichzeitig auch wieder so übertrieben und abgefuckt daherkam, dass es die reine Freude und richtig spannend war."

Bevor Haderer satirischer Zeichner, Karikaturist und Cartoonist wird, dauert es freilich: Zunächst beginnt er noch eine Graveurlehre in Stockholm, die er abbricht, arbeitet als Flaschenreiniger am Linzer Milchhof und als Dekorateur bei der Quelle AG, gründet nebenher diverse Rockmusikgruppen, bevor er sich 1974 auf sein Talent besinnt, sich in die berufliche Selbständigkeit stürzt und - in die Reklame geht.

Bis 1984 arbeitet er mit großem Erfolg als Grafiker und Zeichner für Werbeagenturen, gestaltet Panoramakarten für die Tourismusbranche und wird vor allem für seine fotorealistischen Illustrationen gepriesen. Zufrieden macht ihn die Arbeit jedoch nicht. In einem "Stern"-Interview blickt Haderer 2016 zurück: "In mir war das Gefühl: Für Geld machst du Scheiße. (...) Und das Martern in meinem Kopf, dieser Gedanke: Ich habe ein Talent und vergeude es für Unfug. Ich war 30, sehr erfolgreich, aber überaus unglücklich. Das zerfraß mich. Ich bekam Krebs."

1984/85 reißt Haderer das Steuer herum. Er bricht radikal mit der Reklamearbeit und fängt ein neues Leben an. Er verbrennt alle werbegrafischen Arbeiten, zieht mit seiner Familie von Salzburg zurück "in die viel preiswertere Bronx von Linz" und konzentriert sich ab sofort auf Karikatur, Cartoon und Comicstrip - vom Zeichner, der seine lebensbedrohliche Krankheit besiegt hat, signiert mit "Hades", dem Namen des griechischen Gottes der Unterwelt.

Erste Karikaturen erscheinen in dem kleinen Salzburger Satiremagazin "Watzmann", der Zeitschrift "Oberndorf aktuell" und in der überregionalen Tageszeitung "Kurier". Wichtig wird vor allem die regelmäßige Mitarbeit am österreichischen Nachrichtenmagazin "profil", die bis 2009 anhält; darüber hinaus beliefert er Zeitschriften wie "GEO", "Wiener", "trend" und "Titanic". Seit 2017 zeichnet er für das österreichische Wochenmagazin "News".

In Deutschland macht ihn insbesondere seine von 1991 bis 2016 im "Stern" erscheinende Kolumne "Haderers Wochenschau" bekannt, in der er "Lügner so erbarmungslos wie Belogene" (wie die "Stuttgarter Nachrichten" befinden) ins Bild setzt. Als er nach 25 Jahren die Arbeit beendet ("Der Antrieb ist weg. Das Feuer. Die Lust. Es fängt nun an, Stress zu machen") erzählt er im "Stern"-Abschiedsinterview 2016 eine Anekdote aus seiner langen Zuarbeit für die deutsche Illustrierte: "Für mich war dieses Zeichnen nie Arbeit. (...) Es passiert einfach so aus dem Handgelenk, der schieren Freude heraus. Daraufhin sagte der damalige stern-Chef zu mir, 'wenn das so ist, Herr Haderer, müssen wir übers Honorar reden, wir halbieren es!'"

Bereits 1993 werden Haderers "Stern"-Karikaturen in einem Sammelband veröffentlicht. Schon sechs Jahre zuvor war sein erstes Buch erschienen: "Sehr verehrte Österreicher", das er zusammen mit dem ebenfalls noch am Anfang seiner Laufbahn stehenden (und späteren ELCH-Preisträger) Josef Hader herausbringt. Im Jahr darauf, 1988, organisiert die Berliner Galerie am Chamissoplatz die erste Ausstellung von Haderers Karikaturen. Und 1991 legt Haderer sein erstes Kinderbuch vor: "Das große Buch vom kleinen Oliver", das in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Werner Kofler entstanden ist.

Manche seiner Kinderbücher, die folgen, wenden sich nicht nur an kleine Leser. "Jorgi, der Drachentöter" von 2001 spricht auch Erwachsene an, die in den Figuren Anspielungen auf Politiker der FPÖ entdecken können.

Haderer ist ein satirischer Zeichner, der sich politisch einmischt, und sieht sich häufig heftigen Angriffen ausgesetzt. Die "Oberösterreichischen Nachrichten" kündigen ihm die Mitarbeit, nachdem er den Landeshauptmann aufgrund einer ausländerfeindlichen Äußerung mit verschiedenen exotischen Physiognomien konterfeit hat. Besonders gern regen sich Kirchenvertreter auf. Zwar schreien sie nicht auf, als Haderer für die "Titanic" das Titelblatt der Aprilnummer 1990 zeichnet, das unter der Schlagzeile "Au weia! Der Papst legt keine Eier!" Johannes Paul II. zeigt, wie er auf dem Petersplatz vor einer großen Menschenmenge osterngerecht im Hasenkostüm hockt und vergeblich presst.

Doch 2002 sorgt Haderers gerade mal 38 Seiten zählendes Büchlein "Das Leben des Jesus" für Empörung. Jesus ein Kiffer, der halbnackt über den See Genezareth surft, und seine Jünger geldgeile Typen: Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun fordert (vergeblich), Haderer wegen Blasphemie vor Gericht zu stellen, wenigstens eine Entschuldigung verlangt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. "Das war für mich natürlich absolut indiskutabel, warum sollte ich mich für Äußerungen, hinter denen ich ganz und gar stehe, entschuldigen?", weist Haderer, lange Jahre im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, das Ansinnen zurück.

Doch so schnell wird er die Sache nicht los: Als das Büchl auch in Griechenland erscheint, wird der Satiriker im Januar 2005 in Abwesenheit zu sechs Monaten Gefängnis wegen Gotteslästerung verurteilt. Im April spricht ihn jedoch das Athener Berufungsgericht frei, nachdem sich Hunderte Zeichner, Schriftsteller und Kulturschaffende mit dem Österreicher öffentlich solidarisiert haben: Im Interview von 2012 verweist Haderer, auch im Rückblick auf die Aufregung um die dänischen Mohammedkarikaturen 2006, "dass man in Sachen Meinungsfreiheit keinerlei Konzessionen machen darf".

Es geht sowieso anders: Die Wiener Albertina präsentiert Ende 2005 einen Querschnitt aus Haderers zeichnerischem Schaffen und erhebt den Künstler damit gleichsam in den Cartoonistenolymp. Doch genug ist nie genug: Haderer unternimmt auch Ausflüge in andere künstlerische Bereiche und fertigt 2006 für die Wiener Kabarettgruppe "maschek" Puppenentwürfe für ihre als politisches Kasperletheater inszenierten Stücke. Auf das Puppentheaterdrama "Bei Schüssels" 2006 folgen 2007 "Beim Gusenbauer", 2009 "Bei Feymann" - allesamt nach den österreichischen Bundeskanzlern benannt - und 2013 schließlich "Bye-bye, Österreich!". Im Jahr darauf, 2014, bringt Haderer sein Buch "Der Herr Novak" auf die Bühne.

Während Haderer sich einerseits neue Tätigkeitsfelder erschließt, verschließt er sich andererseits konsequent Anfragen von Firmen. Nicht nur lässt er die Weltfirma Red Bull abblitzen; er lehnt es auch ab, für die FIFA einen Beitrag zur Fußballweltmeisterschaft 2006 zu liefern. Fast wäre er allerdings schwach geworden: "Ich hab dann so ein Tableau gemalt, ganz kleine Figuren, 200 Leute, Menschen wie du und ich, dazwischen Muhammad Ali, Marilyn Monroe, ein Imam, ein Priester, alle möglichen Leute, die nichts anderes tun, als mit dem Fuß auf die Lederkugel zu hauen. (...) Josef Blatter sieht in Wien dieses Bild, sagt sofort: 'Das muss das Plakat der Fußball-WM 2006 sein, weltweit, großartig.'"

Doch obwohl er mit Tantiemen in Höhe von 18 Millionen Euro rechnen kann, beschleichen den Cartoonisten Zweifel, wie er 2016 schildert. "Ich sagte zu meiner Frau: 'Ich glaub, ich pfeif auf den Scheiß. Ich möchte nicht, was in den Verträgen auch verlangt wurde, mit so einem Typen wie Blatter im Fernsehen auftreten. Das ist nicht meine Gesellschaft.' Am Tag danach habe ich die Sache abgelehnt."

Statt sich an die Fußballmafia zu verkaufen, macht Haderer lieber ein eigenes Ding. Er reaninimiert "MOFF. Haderers feines Schundheftl", das bereits zwischen 1997 und 2000 36-mal erschien: ein monatlich publiziertes Kleinstmagazin im klassischen Pikkolo- (oder Scheckbuch-)Format, das ausschließlich Zeichnungen und Comicstrips von eigener Hand enthält.

Anders als in seinen opulent gemalten Karikaturen arbeitet der Künstler hier mit dem Bleistift und beschränkt sich auf schwarzweiße Strichzeichnungen. In "MOFF" - eine Lautmalerei wie die aus Comics bekannten Onomatopoesien "Paff!" oder "Argh!" - nimmt er den von Personen und Themen ausgehenden Mief der österreichischen Politik und Gesellschaft aufs Korn; zugleich treibt er einfach Allotria, indem er etwa die Queen und ihren Prinzgemahl krause deutsche Gespräche führen lässt oder den oberösterreichischen Dialekt seiner engeren Heimat in der Figur des Bul (Pudel) zu komischen Ehren verhilft. In Österreich verkauft sich das Heft so gut, dass die Scherz & Schund Fabrik, die es verlegt, vier MOFF-Filme dreht, die Haderer beim Zeichnen zeigen; das Karikaturenmuseum in Krems präsentiert 2011 eine umfassende MOFF-Ausstellung.

Haderer könnte mithin zufrieden sein. Doch die politische Lage beunruhigt ihn mehr und mehr. "Cartoons allein reichen nicht mehr. Es geht jetzt um Demokratie. Die ist gefährdet. (...) "Vieles, was ich um mich herum sehe und erlebe, erinnert mich an die 30er Jahre", sagt er im Interview 2016 und ruft nach mehrjähriger Vorarbeit im November 2017 in einer ehemaligen Tabakfabrik in Linz die "Schule des Ungehorsams" ins Leben: eine "Denkwerkstatt", die die Widerspenstigkeit als wichtige gesellschaftliche Triebkraft fördern und ein Forum sein soll, das Kulturschaffende, Wissenschaftler, Philosophen, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und überhaupt Interessierte aus allen Schichten und Berufen zusammenbringt und ihnen die Möglichkeit bietet, ihre Ideen in Form von Vorträgen, Workshops, Ausstellungen, Publikationen und Aktionen unterhaltsam unter die Leute zu bringen.

Die Schule verfügt über eine Bibliothek, hat eine "Speaker's Corner" eingerichtet und betreibt eine Bühne für Schauspiel- und Puppentheater. Haderer selbst stellt dauerhaft seine "Aktuellen Werke" zum Zeitgeschehen aus und präsentiert im "Ölhades" erstmals seine altmeisterlichen großformatigen Ölgemälde, womit sich Gerhard Haderer auch in die Riege der Klassiker der Malerei einreiht. Da fehlt zu guter Letzt nur noch eins, um endgültig in den höchsten Sphären der Kunst anzukommen: die Erhebung zum Göttinger Elch!

Auszeichnungen

1995 1. Preis in der Abteilung Karikatur/Cartoon beim Berliner Karikaturensommer
2001 Deutscher Karikaturenpreis: Geflügelter Bleistift in Gold
2006 Karikaturenpreis der deutschen Anwaltschaft
2008 Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien
2016 Österreichischer Kabarettpreis (Sonderpreis) für Comics und Cartoons