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Ausgezeichete Elche:
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1997 Chlodwig Poth
1999 Robert Gernhardt
2000 Gerhard Polt
2001 Harry Rowohlt
2002 Marie Marcks
2003 F.W. Bernstein
2004 Emil Steinberger
2005 Otto Waalkes
2006 Hans Traxler
2007 Ernst Kahl
2008 Biermösl Blosn
2009 Helge Schneider
2010 Olli Dittrich
2011 Josef Hader
2012 Franziska Becker
2013 Michael Sowa
2014 Georg Schramm
2015 Rudi Hurzlmeier
2016 Max Goldt
2017 Gerhard Gläck
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Impressum
© Achim Käflein

Georg Schramm als "August", anläßlich der Verleihung des Kleinkunstpreises 2013.

Georg Schramm als "Oberstleutnant Sanftleben", 2013.

Georg Schramm als "Lothar Dombrowski"

Auszug aus dem Buch "Georg Schramm - Lassen Sie es mich so sagen. Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit."
© 2010 Heyne Verlag, M√ľnchen, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
mit freundlicher Erlaubnis des Heyne Verlags.

....solche grauenhaften Witze muss man sich anhören.

Ich rede mich um Kopf und Kragen - und dann solche Witze. Was muss man den Leuten noch alles erzählen, damit sie endlich auf die Straße gehen ? Was müsste man auf die Fahnen schreiben, damit sie sich einreihen ? Ich weiss, dass ich kein geduldiger Mensch bin, aber ich habe doch alles versucht. In unzähligen Wartezimmern habe ich versucht, Patienten aufzuwiegeln. Jahrelang habe ich versucht, der Volkshochschule einen Kursus anzubieten : gewaltloser Widerstand für Senioren. Noch nicht einmal das haben sie genommen. Dem VdK hab ich`s angeboten. Abgelehnt. An Seehofer geschrieben : keine Antwort.

Irgendwann habe ich es begriffen : ich bin allein und muss allein ein Zeichen setzen. Worauf soll ich noch warten. Mir läuft die Zeit davon. Wie viel Jahre habe ich noch ? Sieben oder acht ? Zwei davon im Heim ? Wovor soll einer wie ich noch Angst haben, wenn hinter ihm schon der Heimleiter mit dem Sabberlatz winkt.

Ich habe mir einen Revolver gekauft. Ein englisches Modell der Firma Enfield. Offiziersrevolver, Baujahr 35. Mein Jahrgang. Großes Kaliber. Er liegt gut in der Hand, hätte ich gar nicht gedacht. Ich habe ihn ausgesucht, weil er der einzige war, den man mit einer Hand bedienen und nachladen kann.

Ich trage ihn immer bei mir und denke, vielleicht treibt mir der Zufall einen über den Weg. Einen, der meine Verachtung verdient. Davon gibt es doch genug. Und dann spricht vielleicht eine innere Stimme : Heute ist dein Tag. Meistens verfliegt der Hass wieder über Nacht. Der nächste Morgen ist dann immer furchtbar. Erst habe ich das Gefühl, ich muss unter Leute. Aber wenn ich dann unter Leute gehe, wird es noch schlimmer. Ich sehe die Menschen und denke : Die meisten sind verrückt, und ich bin der Einzige, dem das auffällt.

Alles kommt mir so irrational vor. Damit kann ich nicht umgehen. Ich war immer stolz, ein rational denkender, vernunftorientierter Mensch zu sein. Die Vernunft ist doch unsere größte abendländische Erfindung. Immanuel Kant war mein Vorbild. Der König der Vernunft. Jahrelang habe ich versucht, seine Bücher zu lesen. Als damals diese Kerner-Sendung war, habe ich zehn Postkarten geschickt : Größter Deutscher ist Immanuel Kant. Er hat uns den Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit gewiesen, aber keiner will ihn gehen.

Ich war sogar auf einem Kant-Symposium, zu seinem 200. Todestag. Wunderbares Thema : "Hat die Vernunft noch eine Chance ?" Es fing gut an, aber das Hauptreferat hielt dann ein Neurobiologe. Seine Hypothese : 95 Prozent aller menschlichen Entscheidungen und Handlungen sind völlig irrational. Unsere einzige Besonderheit als Mensch sei, dass wir nachträglich einen vernünftig wirkenden Grund finden, den wir hinterherschieben, damit wir nicht merken, dass alles irrational ist. Da bin ich nach Hause gefahren.

Letztes Jahr war ich dann auf einem Germanisten-Symposium : "Tyrannenmord im Schillerjahr." Irgendwie muss man sich ja bei Laune halten.

Meinen letzten Tag habe ich auch schon im Visier. Ein alter Traum von mir, den letzten Lebenstag selber zu gestalten. Dazu muss man ihn allerdings festlegen. Immer noch besser, als irgendwo zufällig tot umfallen. Was sehr unwahrscheinlich ist. Viel wahrscheinlicher ist es, im Heim zu vertrocknen oder zu verfaulen. Einfach so. Weil bei Schichtwechsel jemand ausfällt. Passiert doch ständig.

Erhobenen Hauptes diese Gesellschaft verlassen. Mit einem brauchbaren Motiv. Darüber habe ich viel nachgedacht. Gehen, wenn ich mit dieser Gesellschaft fertig bin. Aber wann ist man fertig ? Auf die Antwort bin ich zufällig gestoßen. Eines Tages lag im Briefkasten ein Schreiben der Rentenanstalt, und darin waren meine ganzen Versicherungsjahre und Monate aufgelistet mit meinen Beiträgen. Und da wusste ich plötzlich, dass es einen Tag gibt, an dem wir miteinander quitt sind. Rein versicherungsmathematisch. Der Tag, an dem alle meine Rentenbeiträge mit Zins und Zinseszins aufgezehrt sind. Ich wäre dieser Gesellschaft nichts schuldig, und von mir würde nichts bleiben als eine letzte Klage.

Ich hebe dem für mich zuständigen Versicherungsältesten einen Brief geschrieben mit der Bitte, mir diesen Tag auszurechnen.