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Jochen Malmsheimer: "Für Georg"
Laudatio angesichts der Verleihung des "Göttinger Elches 2014" an Georg Schramm

am 23ten März AD MMXIV zu Göttingen

Lieber Georg, das ist mir alles sehr, sehr unangenehm und es tut mir auch alles furchtbar leid, aber... Hach. Sei's drum.

Herr Präsident, verehrter Herr Bürgermeister,
Eminenzen, Sedisvakanzen, Magnifizenzen und Monstranzen,
Hohes Haus, weiter Raum, sehr verehrte Damen, hochmögende Herren,
Göttinger und nicht zuletzt: Elche!
Es sollte mir eigentlich ein inneres Fußbad, ja, eine zutiefst empfundene, bernsteinerne Freude sein, Dir, lieber Georg, ganz persönlich und auch noch an dieser exponierten Stelle und vor allen Leuten zur Verleihung des "GÖTTINGER ELCH 2014" gratulieren zu dürfen.
Und das ist es natürlich auch.
Irgendwo.
Aber gerade der Auftrag, Dich diesbezüglich angemessen zu laudatieren, warf erhebliche und unerwartete Schwierigkeiten auf, ja, ich muss zugeben, und das fällt mir in diesem Rahmen und angesichts der großen Freude, die ich ja eigentlich empfinde, besonders schwer, ich muss zugeben, dass ich gescheitert bin, und zwar auf der ganzen Linie.
Es tut mir sehr leid, aber ich kann diese Laudatio nicht halten.
Es geht einfach nicht.

Bevor ich dieses Pult nun verschämt wieder räume und sie alle mit den sicherlich gehaltvolleren Häppchen im warmen Grußwortregen meiner Vorredner stehen lasse, möchte ich Ihnen nur kurz noch von den Schwierigkeiten berichten, denen ich mich bei der Konzeption dieser gescheiterten Laudatur gegenübersah, so dass Sie mir am Ende vielleicht sogar dahingehend zustimmen werden, dass es eine herkömmliche Laudatio für Georg Schramm einfach nicht geben kann.

Damit hier überhaupt etwas Text stattfindet, Georg, gestatte mir zunächst einmal ein paar Bemerkungen zum Thema Preis im Allgemeinen und Besonderen:
Meiner privaten Auffassung nach, die allerdings von den meisten führenden Köpfen des Genres in seltener Einmütigkeit geteilt wird, hast Du alle Preise, die es auf dem Felde des Kabaretts im Besonderen, wie dem des Humors im Allgemeinen, im Bereich der Schauspielerei, der Philosophie wie der Geronto-embrimastie, das ist die Alters-erzürnung, einen Begriff, den es nicht gibt, den Du aber durch Deine Arbeit geradezu erzwangst, und den ich deshalb an meiner Wortbank selbst gedreht habe, dass du also eigentlich alle Preise, auch jene, die es im Bereich des Prothesenhandwerks, wie der Handschuhmanufaktur, der allgemeinen Fluchkultur, des Frisiercreme-Gewerbes, des affektartigen Rotsehens gegenüber Sprachpanschern, Volkstäuschern und Menschenverächtern und in einigen anderen Disziplinen zu vergeben gibt, strengstens verdienst, ja, ich hatte eigentlich angenommen, dass Du sie alle längst besitzest.
Aber einige Preisverleiher brauchen augenscheinlich wohl ein wenig länger, doch seien wir, der Weihe des Momentes eingedenk, nachsichtig, milde, froh und dankbar, dass es Ihnen überhaupt eingefallen ist.

Überdies ist die schiere Anzahl der zu bekommenden Kabarettpreise in den letzten Jahren so unmäßig gewachsen, dass sie dabei die Menge derjenigen Kabarettisten, die auszeichnungsfähig sind, schlechterdings längst überflügelt hat.
Mittlerweile könnte es also bereits eine Auszeichnung sein, keine Auszeichnung zu bekommen, ein Ansatz, der inhaltlich gerade von jenen Haushaltsmitgliedern des Ausgezeichneten begrüßt wird, die für die Pflege der Vitrinen verantwortlich zeichnen, in der die gerade noch vorzeigbaren Statuetten, rachitischen Stelen, verstörenden Glasobjekte und perhorreszierend talentarm, aber nichtsdestotrotz handgemalten Teller lagern.
Aber auch jene Angehörigen, welche die Hege des Gartens zu ihren Obliegenheiten zählen, begrüßen jede verliehene Bronzeallegorie herzlich, da die als geschmackliche Generalentgleisungen erkannten Preisbildwerke, unter Büschen und in Staudenbeeten bestimmungsfern installiert, beispielsweise dazu verwendet werden müssten, durch das Erschrecken von Schnecken unwillkommenen Salatfraß oder Kohlrabiraub zu unterbinden. Was übrigens wegen der stupenden Schwachsichtigkeit der Mollusken, trotz der geradezu Ehrfurcht gebietenden Scheußlichkeit mancher Trophäen, noch nicht einmal funktioniert hat.

Bei Preisen mit humoristischem Hintergrund ist zudem nicht selten das fatale Bemühen der Verleiher spürbar, in die Gestaltung und Machart der Repräsentanzfigurine, wie in die Verleihungsbegründung der Jury, ein gerüttelt' Maß an Witzischkeit einzuarbeiten, ein Versuch, der das Exponat in jedem Fall ruinieren und die als Lob gedachte Begründung beinahe zur Schmähung wandeln muss.

Bei diesem Preis ist das erfreulicherweise alles anders.
Die Begründung der Jury bezüglich der Verleihung ist auch für Nichtmitglieder prinzipiell erstaunlich nachvollziehbar und in weiten Teilen inspiriert abgefasst und die Dotierung des Preises ist nicht unerheblich.
Wobei allerdings die Gestaltung der Summe als Schnapszahl schon ein wenig das oben beschriebene, holprige Streben nach Witz offenbart und die humoristischen Grenzen, innerhalb derer zumindest das stiftende Geldinstitut siedelt, wohl auch klar absteckt.
Auch die Übereignung von 99 Dosen einer Elchrahmsuppe, die, wenn sie denn tatsächlich Spuren jenes größten, nahezu eine Tonne wiegenden Hirsches dieser Erde enthielte, bei einer durchschnittlichen Fleischeinwaage von geschätzt 50 Gramm pro Dose nur etwa 5 Kilogramm des Tieres repräsentierten, was wiederum bedeutete, dass nicht nur alle 16 vorherigen Preisträger von diesem einen Tiere zehrten, dessen Eindosung offenbar 1997 anlässlich der ersten Preisverleihung vorgenommen wurde, sondern dass auch noch die kommenden 183 Preisträgerinnen und Preisträger versorgt sein werden, -in Zeiten allgemeinen Sparzwangs und der Besinnung auf den verantwortlichen Umgang mit den Mitgeschöpfen ist dies durchaus beruhigend-...
...auch dieser Umstand also, einem Preisträger Suppe für sein Lebenswerk auszuschenken, darf getrost als intensive komödiantische Anstrengung des gastronomischen Gewerbes aufgefasst werden, das damit zum humorigen Bemühen des Geldinstitutes mühelos aufschließt, denn 99 Dosen Suppe von wem auch immer sind genauso komisch wie eine Summe, die auf 33 Cent endet. Wer weiß, vielleicht wähnten die Stiftenden gar bei den Preisträgern, die ja alle ihre Adoleszenz offenkundig überwunden haben, eine hormonelle Vakanz ausgemacht zu haben, die es adäquat, also mit Suppe, zu besetzen gilt, denn Essen ist ja bekanntlich der Sex des Alters, wenn man kein Golf spielt.
Sei es, wie es sei, der völlig zu Unrecht verstorbene Hanns Dieter Hüsch mutmaßte einmal, dass sich der Mensch heutzutage die fehlende Wärme doch meist aus einer Suppe hole, und wenn er damit Recht hatte, dürften für Dich die nächsten Winter ohne Schrecken sein, selbst wenn ihr sie auf Spitzbergen zu verbringen gedächtet.
Ich denke, gerade die Firma Barteroder Feinkost, die jene preisverbrämende Elchrahmsuppe sicher nach überliefertem Samenrezept herstellt, man spricht nicht von ungefähr von der Sämigkeit von Lappensuppen, diese Firma ist jedes Mal auf's Neue erleichtert, dass dem großen F.W. Bernstein damals der besagte Vers mit Elchen eingefallen ist und nicht etwa:

Die schärfsten Kritiker der Molche
waren früher selber solche!

oder
Die schärfsten Kritiker der Reiher
waren früher selber Eier

oder
Die schärfsten Kritiker der Wiese
waren früher flach wie diese

Man möchte wahrlich nicht darüber nachsinnen, ob und wenn ja, wie sich denn ein Lurchsüppchen, ein Reihereiersalat oder ein Wieseneintopf als Preis für intellektuell- humoristische Sonderleistungen ausgenommen hätte, angesichts eines dosischen Preisgrasgerichts frohlockten wohl ausschließlich vegane Humorarbeiter.
Oder Elche.
Auch hier muss es also heißen: Glück gehabt und Bernstein sei Dank!

Die Qualität und das Gewicht eines Preises allerdings bemisst sich jedoch nicht hauptsächlich an der Geschmeidigkeit der Losung, der Höhe seiner Dotierung, der Anzahl der Dosen oder an der Reputation des Spenders, sondern zum Großteil an der Güte derer, die ihn bereits erhalten haben. Hier hast Du richtiges Glück, das Kollegium besteht aus insgesamt prächtigen Menschen ausgesuchter humoristischer Qualität und erlesenen satirischen Geblüts, in deren Gegenwart es sich durchaus aushalten läßt und Du Dich für Deine Anwesenheit auf deren Liste nicht zu schämen brauchst.

Soviel zum Preis, jetzt zum Scheitern.
Ereilt einen der Auftrag, jemanden wie Georg Schramm für die preisbewehrte Aufnahme in einen erlauchten Kreis und darüber hinaus noch für sein künstlerisches Schaffen und die Bedeutung desselben für Kosmos, Kultur, Kabarett und Konsternation in einer Rede angemessen zu würdigen, macht man sich, sobald die Schockstarre etwas abgeklungen ist, an die Recherche, mit dem Ziel, zum Einen das Eigene von dem bereits gesagten Anderer abzugrenzen, zum Anderen das Objekt der Verehrung in seiner schillernden Vielfarbigkeit möglichst in toto zu erfassen, dessen vielgestaltes Werk zu überblicken, seine Strahlkraft und Einflüsse auf Andere, ja, die Wirkmächtigkeit auf das große Ganze abzuschätzen, das Wesen dieser seiner speziellen Kunst zu begreifen und treffsicher zu modellieren, ohne dabei in eine lächerliche und mitleiderregende Kopie seines Duktus' zu verfallen, vielleicht gar den Grund für all' diese seine enorme künstlerische und menschliche Anstrengung zu finden, die tiefe Moral, die das ganze Werk beatmet, behutsam heraus zu präparieren, kurz: das Wesentliche, was den Künstler wie den Menschen Georg Schramm beseelt, herauszuschälen und das alles hernach begeistert und sprachlich angemessen, aber nicht schwärmerisch servil zu präsentieren, und bei allem auch noch jene seltene Gabe Schramms nicht zu vergessen, dem Publikum über das Erlebnis des Abends hinaus etwas mit nach Hause zu geben.
Kabarett-Publikum will ja immer etwas mit nach Haus nehmen, nun gehören die Stühle aber dem Veranstalter!
Das ist also nicht so einfach, aber Georg Schramm schafft das.
Immer wieder.
Und das Mobiliar bleibt jeden Abend unangetastet.
Wenn man soweit gediehen ist, lehnt man sich ein wenig zurück und schnauft durch: So. Die sogenannte road-map steht.
Und dann folgt dieser grausame, kalte Moment der Ernüchterung, der einem sagt: laß es! Lass es bleiben!
Denn dann sieht und liest man, was all' die berühmten Kollegen und veritablen Kenner der Szene, die Gralshüter der reinen Lehre, die Kabarettpolizei, die den Humor bewacht, die Feuilletonschwadroneure, die Humorfabrikanten, Pointenschweißer und Witzmonteure des Fernsehens, all' die Fachpublizisten und Kulturamtslachverwalter, die Juryvorsitzenden, die Sonderbeilagen- und Einlegerredakteure sich über das Phänomen Schramm im Laufe der Jahre entsteißten und nachdem ich das alles gelesen hatte, stellte ich fest, dass für mich nichts mehr übrig ist.
Es ist bereits alles gesagt. Mehrfach. Hundertfach. Tausendfach.
Und das besser, tiefgründiger, kenntnisreicher und pointierter, als ich das je könnte. Oder wollte. Das ist Pech.

Und deswegen hat es auch keinen Sinn, erneut darauf hinzuweisen, was für ein großartiger Beobachter seiner Mitmenschen Georg Schramm ist und dass es seine Beobachtungsgabe und die Menschenliebe ist, die seine Figuren so hautnah und intensiv werden läßt, und dass das eben nicht nur daran liegt, dass Georg Schramm einen psychologischen, wie militärischen Hintergrund besitzt, den haben viele und es hat ihnen nichts genutzt. Nein, er hat dazu noch einen Mittelgrund aus Wärme, Intelligenz, Einfühlungs- wie Sprachvermögen und einen massiven Vordergrund aus Humor, intensiver Recherche und daraus resultierender Sachkenntnis und diese drei Ebenen zusammen schaffen ein massives Gesamterlebnis von zementenem Gewicht und vulkanischer Wucht.

Ich muss sicher nicht zum hundertsten Male auf die sprachliche Kraft seines Lothar Dombrowski verweisen, der übrigens mit zweitem Namen Attila heißt, nach jenem in Ungarn geborenen Mongolen, was übrigens übersetzt "Väterchen" bedeutet, also nicht "Mongolen" sondern "Attila", und der im Reiten Bogen schießen konnte, so wie Lothar Dombrowski im Laufen Dinge sagt, die anderen nicht mal im Liegen einfallen würden.
Der Name Lothar Dombrowski erinnert natürlich an den Journalisten gleichen Namens, jenen sonor sprechenden Überkämmer, der immer, wenn er nachhakte, ankündigte: "ich möchte da mal nachhaken...".
Und die Brille gemahnt stark an das WDR-Urgestein und sonntäglichen Frühschöppner Werner Höfer, der journalistische Genauigkeit im Gespräch besonders durch die Verabreichung von reichlich Riesling erreichte, eine Technik, die im Fernsehen leider ganz in Vergessenheit geraten ist.

Ebenso ist es müßig, darauf hinzuweisen, dass Georg Schramm in Lothar Dombrowski, in Oberstleutnant Sanftleben und besonders in meinem speziellen Freund August, jenem armen alten Mann, der so sehr an der SPD, dem parteigewordenen Grab der Sozialdemokratie, leidet, die Grenzen des Kabarett längst hinter sich gelassen hat und dennoch die des alleinigen Schauspielens, also des mittelprächtig ambitionierten Aufsagens fremder Texte, nie übertrat.

Uns wird die Wirklichkeit entwickelt, ungeschminkt, unbeschönigt, klar und rein und das jeden Abend auf's neue.
Und ich fragte mich schon oft, befeuert nach einem solchen Abend, warum wir nicht einfach mal wieder, wie früher dem furor teutonicus Raum geben, indem wir da raus und in die gläsernen Paläste der Politik, rein gehen, um als mündiger Souverän mal höchstpersönlich und offensiv dringend notwendige personelle Auswechselungen vorzunehmen, so ein Autodafé auf dem Rathausplatz hat auch heute noch seinen ganz eigenen ästhetischen Reiz!
Jeden Abend auf's Neue also erklärt uns Lothar Dombrowski, wie wir benutzt, verscheißert, untergepflügt und vor allem nicht gefragt werden, wie wir mit der Illusion demokratischer Strukturen sediert werden, die längst zum Selbstzweck verkommen sind und unseren Blick trüben sollen für die Tatsache, dass unser ganzes Land, unser Leben, wir selbst, unsere Kinder und die Alten in Geiselhaft genommen wurden von der Politikindustrie, dem Lobbyistenpack, den Interessenbewahrern und den Märkten, den Märkten!
Wenn schon einer: die Märkte sagt, muss ich kotzen!
Es gibt nur einen, aber der ist für alles!
Und wir würden das alles vermutlich noch nicht einmal gemerkt haben, gäbe es nicht jenen, angesichts der Zeitläufte und deren Personals prinzipiell leicht übel gelaunten, älteren Herrn, dessen ungeheures Entrüstungspotenzial uns Schwächere stützt und trägt und der es wie kein anderer versteht, unserem Zorn eine Stimme und der Empörung Gesicht und Haltung zu verleihen.

Lebte Karl May noch, hätte er ihn Old Leatherhand genannt und ihn mit einem speziellen, nur mit einer Hand nachladbaren Henrystutzen ausgestattet oder gleich die Holzhand zu einem Sechsschüsser umgearbeitet, um all' den Rattlers dieser Welt, -bei Karl May haben die Bösen dankenswerterweise auch alle immer böse Namen, man heißt dann nicht Niebel oder Pastörs, sondern eben Rattler, um also all' den Rattlers dieser Welt mal richtig Feuer unter dem Arsch oder einen zweiten Nabel zu machen!

Man muss nicht zum -zigsten Male erwähnen, dass Lothar Dombrowski der Decubitus der Pharmaindustrie ist, jene nässende, nicht heilen wollende, ewig schmerzende Stelle am Gesäß, gegen die sie keine Pillen hat und kein Kraut wachsen lassen kann!
Ich muss mich nicht selbst zitieren, indem ich sage, dass er der in Tweed geronnene Albdruck derer ist, die an den Särgen unserer Kinder, die, wie man uns weiß zu machen sucht, am Hindukush für Recklinghausen oder Hemer oder Rügen gestorben sind, die im Angesicht der fassungslosen Eltern an diesen Kindersärgen staatstragende Anteilnahme heucheln!
Er ist die hornbebrillte Nemesis derer, die die Alten, Kranken und Wehrlosen in Pflegesilos verklappen, er verkörpert wie kein zweiter Zorn und Wahrheit, Witz und Wärme und er ist eine moralische Instanz, ohne es je darauf angelegt zu haben, kurz:
Er ist genau das, was wir alle dringend brauchen und ich hätte nie geglaubt, dass ich das mal sagen würde, aber: Die Hoffnung trägt beige!

Doch das könnten wir alle längst wissen.
Weil es schon mal gesagt wurde.
Was aber bleibt dann noch für eine Laudatio?

Nun, ich könnte natürlich davon erzählen, wie ich Georg Schramm kennen lernte, das war in Hamburg vor sehr vielen Jahren, ich war damals noch mit einem Kollegen im Duo unterwegs und wir lasen vor, mit Talent, wie wir das nannten, also mit Betonung an der richtigen Stelle. Es gab noch keine solche Leseszene, wie sie sich heute etabliert hat und wir waren, wie alle Anfänger froh, bisweilen nicht nur vor Möbeln zu spielen, hielten das, was wir machten, für ungeheuer wichtig, prächtig und einmalig und waren hochbefangen, in Georg Schramm einen Titanen des Berufes persönlich kennen zu lernen.
Das ist es übrigens, was ich bis heute an diesem Berufsbild nach wie vor so sehr schätze, dass man nämlich seine Idole persönlich kennen lernen kann und mitunter und ein wenig Glück sogar mit Ihnen auf die Bühne darf, also zusammenarbeiten kann.
Wo gibt's das sonst noch, außer in der Raumfahrt?
Und Georg Schramm erkundigte sich artig, nachdem wir einander durch die Missfits vorgestellt worden waren, in deren Kielwasser wir damals in Hamburg weilten, -das war ein Wortwitz, um ihre Aufmerksamkeit zu testen- er erkundigte sich also artig, was wir denn so machten und wir sagten es ihm und er antwortete ganz freundlich und wahrscheinlich grundehrlich:
"So. Hm. Vorlesen. Klingt nicht so spannend."
Damit war der Tag dann für mich erledigt und ich fragte mich, wenn das der Titan des deutschsprachigen Kabaretts sei, ob ich dann wohl irgendetwas mit dem deutschsprachigen Kabarett zu tun haben wollte und seitdem hatte ich ein bisschen Angst vor ihm und vor der Wahrheit und dass man sie mir so ungeschminkt mitteilt.
Aber er hatte natürlich recht und seitdem arbeite ich daran, etwas spannender zu werden, ohne das Lesen ganz aufzugeben.
Aber ich begegne auch dem eigenen Schaffen seither mit allergrößter Skepsis.

Ich könnte Ihnen aber auch erzählen, wie mein alter Griechischlehrer vom Sofa stürzte, als Georg Schramm in der Sendung "Neues aus der Anstalt" in seinem wundervollen Zorn-Monolog die ersten Verse der Ilias deklamierte, auf Altgriechisch!
Im ZDF!
Wo man doch eher Kirchenlatein erwartet hätte, weil man das da auf den Gängen bisweilen noch spricht, aber Griechisch?

"Ménin áeide theá Peleiádeo Achiléos
Den Zorn besinge, Göttin, des Peleussohnes Achills..."
deklamierte Dombrowski und ich antwortete:
oúloménen, he myrí' Achaíois álge étheke!
Den verdammten Zorn, der den Achaiern unzählige Schmerzen brachte!

In diesem Moment fiel der alte Mann vom Sofa.
Ein ganzes Schulleben hindurch hatte ich eine stabile 5minus im Griechischen halten können und die Versetzung nur geschafft, weil er eine schützende Hand über mich gehalten hatte und nun sprach der Junge Griechisch, im Fernsehen, zusammen mit Lothar Dombrowski!
Beim Zeus nochmal! Bringt Oliven und Wein! Und Ouzo. Für meine Freunde! Für meine richtigen Freunde!
Die Welt konnte nicht komplett verloren sein!
Zumindest für den alten Mann ist sie das, auch wegen Georg Schramm, bis heute nicht. Und Homer steuerte auch seinen Teil bei. Es hätte ihn gefreut.

Aber das wäre für diesen Anlaß und eine öffentliche Laudatio alles viel zu unspektakulär.
Es wäre für die Welt uninteressant, wenn ich erzählte, dass mir am allermeisten die tiefsitzende Wärme, Freundlichkeit und Sorge um das Wohl der Kollegen von Georg Schramm gefällt, alles Tugenden, die für den Zuschauer unbemerkt bleiben, wie ich seine Lust am Spielen und Ausprobieren, seine Exaktheit, das ungeheure Timing aber auch die Lust am Probieren, am echten Spielen und damit zwangsläufig gelegentlich auch am Scheitern, liebe.
Ich könnte Ihnen erzählen, was wir alle für einen ungeheuren Spaß hatten, als er uns, einem Haufen zusammengewürfelter junger und jüngerer Kollegen, die Freude machte, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, einen Musketiermummenschanz in der Rolle des Kardinal Richelieu, mit Lederhand! mitzumachen, der allen, die daran vor, auf und hinter der Bühne teilnahmen, unvergesslich bleiben wird.
Gerade darum ist es auch so schade, dass all' das ungesagt bleiben muss.
Es tut mir sehr, sehr leid.

Mein Scheitern ist übrigens so komplett, dass diese Laudatio sogar ohne ein Zitat von Lichtenberg auskommt, ein in Göttingen geradezu unverzeihlicher Fehler.
Sie kommt allerdings auch ohne einen Verweis auf Herbert Grönemeyer aus, einen Göttinger, der meiner Heimatstadt Bochum das einzige einbrockte, was dermal einst im kollektiven Gedächtnis an Bochum erinnern wird, ein sozialromantisches Liedchen nämlich, ein Stammtischhymnus für seichte Gemüter in Knödelgesang.
Danke.
Dafür sandte Bochum Ihnen Manfred Eigen, was wahrhaft ritterlich und nicht hoch genug zu schätzen ist, denn wir vergalten Ihnen Lapidares mit Wesentlichem. Das finde ich, sollte allerdings Erwähnung finden!
So. Schluss jetzt.
Lieber Georg, es tut mir leid, dass das mit der Laudatio nicht geklappt hat, vielleicht beim nächsten Mal.
Die ganze Familie gratuliert Dir auf jeden Fall von ganzem Herzen und wir meinen, die Elche können stolz sein, einen wie Dich in der Herde zu haben. Also: Lycka till!, wie man als Elch sagt. Oder: Schluck auf!, wie es bei uns heißt.

© Jochen Malmsheimer, im März AD MMXIV